

In der Rollkunstlaufabteilung des SC Fortuna Bonn lernen Kinder spielerisch den Umgang mit den kleinen Rollen
Für den Laien gehören Rollschuhe schon lange zum alten Eisen. Spätestens seit Inline-Skater die Rheinpromenade oder die Rheinauen bevölkern, sind die Schuhe mit den vier Rollen aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Doch es gibt sie noch. Und eigentlich kann man mit Rollschuhen viel mehr machen als mit Inlinern. Wer das nicht glaubt, sollte sich mal ein Training der Rollkunstlaufabteilung des SC Fortuna Bonn ansehen.
Samstagmittag in der Dreifachturnhalle des Heinrich-Hertz-Berufskollegs: Das Wettbewerbsteam der Rollkunstlaufabteilung übt fleißig die schönen Figuren wie Pinguin, Hocke, Flieger oder Kanone. Die sieben- bis 14-jährigen Mädchen tragen unter ihren Kleidern hautfarbene Strumpfhosen, die bis über die Rollschuhe gezogen werden. Dadurch scheinen die Beine länger zu sein als bei anderen Menschen. Die großen Rollschuhe an ihren Füßen wirken aber bei weitem nicht so klobig wie erwartet, denn die Kinder und Jugendlichen wissen ihre Beine elegant zu bewegen. Sie fahren vorwärts, rückwärts, auf einem Bein, breitbeinig oder hockend. Sie folgen den geschwungenen weißen Kreisen mit den Schuhen, vollführen Pirouetten und Sprünge. Meist ohne zu fallen. Doch selbst das Straucheln und Auffangen beherrschen sie.
Das Wettbewerbsteam hat’s drauf. Kein Wunder, sagt Trainerin Birgit Raisl: „Die meisten trainieren dreimal die Woche und laufen Nachwuchswettbewerbe.“ Klara (8) hat den Einstieg über ihre Mutter gefunden, die Trainerin Carola Wunder kannte. Deshalb ist Klara dann mal mitgekommen zum Training und war begeistert: „Das fand ich sehr schön – auch wegen der Kleider.“ Wie Birgit Raisl erläutert, tragen die Läufer und Läuferinnen ihre eleganten Stoffanzüge nämlich nicht nur beim Wettkampf, sondern auch im Training – ähnlich wie Schwimmer ihre Badeanzüge oder Turner ihren Turndress. Maxie (8) ist durch ihre Freundin Aimée (8) auf den Geschmack gekommen. „Das war eine gute Entscheidung“, sagt sie. Und Aimée ergänzt: „Es ist ein sehr schöner Sport, aber auch anstregend, das zu lernen.“

Gerade beim Rollkunstlaufen gilt laut Raisl: „Man muss sehr früh anfangen. Wir nehmen Kinder ab drei Jahren. Je früher, desto besser.“ Erwachsene hätten es dagegen sehr schwer, den Sport noch zu erlernen. Nicht nur, weil Kinder das ständige Hinfallen nicht so schwer nehmen.
Aaron (10) ist einer der wenigen Jungs, die in der Wettkampfmannschaft des SC Fortuna laufen. Er ist durch seine Mutter Carola Wunder zum Sport gekommen. Besonders das jährliche Weihnachts-Schaulaufen gefällt ihm.
Das Schaulaufen, erläutert Birgit Raisl, findet einmal im Jahr in der Adventszeit statt. Dabei handelt es sich um die Aufführung einer großen Rollkunstrevue. Diesmal werden die jungen Sportler die „Schneekönigin“ in der Halle am Sportpark Nord auf die Bühne bringen, und zwar am 5. und 6. Dezember jeweils um 16.30 Uhr. „Jedes Kind bekommt eine eigene kleine Rolle“, berichtet Raisl. „Das ist eine sehr schöne Abwechslung zu den Wettkämpfen. Da machen alle mit. Die Eltern nähen Kostüme und basteln Kulissen.“
Weil die Abteilung großen Wert auf die Pflege der Gemeinschaft legt, kommt das Angebot auch bei den Eltern gut an. Oliver Möller schrieb in der Bewerbung für die Aktion „Immer am Ball“: „In der Rollkunstlaufabteilung des SC Fortuna Bonn werden Sport und Spaß verbunden mit musischer Erziehung.“ Weil die Kinder bei Wettkämpfen auch in Einzeldisziplinen antreten, stärke der Sport ihr Selbstvertrauen. Da aber immer auch das Mannschaftsergebnis zähle, werde der Gemeinsinn ebenfalls gefördert.

Nathalie (12) gehört zu den erfolgreichsten Nachwuchssportlern der Abteilung. Die Teenagerin nahm im Oktober 2008 am Europacup in Triest teil; das ist so was wie eine Schüler-Europameisterschaft im Rollkunstlaufen. Am Ende landete sie nach Pflicht und Kür auf Rang acht von 20 Startern. „In meiner Altersklasse waren drei Teilnehmerinnen aus Deutschland. Davon war ich die beste“, berichtet sie stolz. An der Choreographie für die Kür arbeiten Kindern und Trainer gemeinsam. Trainerin Raisl berichtet, dass sich die Sportler die Musik aussuchen und dazu dann die passenden Bewegungen einstudiert werden. Das Vokabular ähnelt übrigens stark dem des Eiskunstlaufens.
„Unsere Sportart ist nicht so bekannt“, bedauert Raisl. „In Deutschland stehen wir meist im Schatten des Eiskunstlaufens. Wobei man auf Rollschuhen mehr machen kann als auf Schlittschuhen.“ Sportler Amos weiß: „Auf Schlittschuhen pfuschen die beim Axel. Und der Engel geht gar nicht.“ Birgit Raisl sagt: „Wenn sie in einem Film über Rollkunstlaufen die Füße wegschneiden würden, würde man kaum einen Unterschied zum Eiskunstlaufen sehen.“
Bei aller Eleganz sollte man aber nicht den Trainingsaufwand übersehen. „Wir machen nicht nur Training auf Rollschuhen, sondern auch Konditions- und Krafttraining“, sagt Raisl. Die Kinder bekommen einen Trockentrainingsplan mit Hausaufgaben für Zuhause. Da stehen dann Übungen wie Drehsprünge oder Seilchenspringen drauf. Rollkunstlaufen ist nämlich eine Ganzkörpersportart: Man trainiert Kondition, Kraft, Schnellkraft, Koordination, den Gleichgewichtssinn und die Beweglichkeit. Zudem hat der Sport sehr viel mit Musik und Tanz zu tun: „Ab und zu machen wir auch Ballett im Trockentraining.“ Und Ausdauer ist unbedingt erforderlich: „So eine Vier-Minuten-Kür der Älteren geht schon ganz schön an die Substanz.“
Die SWB Energie und Wasser haben dem Wettkampfteam neue Mannschafts-T-Shirts gesponsert. Darüber ist Birgit Raisl sehr glücklich: „Für Mannschaften einer nicht so bekannten Sportart ist es nicht so leicht, eine solche Unterstützung zu bekommen.“
Insgesamt sind in der Rollkunstlaufabteilung momentan 75 Kinder in sechs verschiedenen Gruppen aktiv. Das Schnuppertraining für Anfänger findet samstags von 10 bis 11.15 Uhr statt. „Da kann man auch Rollschuhe ausleihen“, sagt die Trainerin. Bis zu dreimal können Neugierige probieren, dann müssen sie sich für oder gegen einen Beitritt entscheiden. Die Rollschuhe leihen die meisten Aktiven auch später noch beim Verein gegen eine monatliche Gebühr.