Zu Gast bei Ganzkörpersportlern

Damit die Füße am Barren zusammen bleiben, klemmt Manfred Thumser (hinten) den Jungs Schaumstoffstücke zwischen die Knöchel.

Freitags trainieren die Nachwuchsturner des Bonner TV in der Halle an der Riesstraße

Ein typischer Freitagabend in der Halle des Bonner Turnvereins an der Riesstraße. Rund 40 Jungen wuseln durch die Halle wie die Bienen in einem Bienenstock. Auch das muntere Treiben der Turner folgt einer tieferen Ordnung, welche die Trainer um Cheftrainer Manfred Thumser vorgeben. Nach dem Aufbau der Geräte turnen zwei Gruppen am Boden, rollen aus dem Handstand ab und in den Stand, während die Ältesten die Recks aufbauen. Eine weitere Gruppe versammelt sich um den Barren. Ein Junge trägt stolz sein T-Shirt „Turnen ist spitze“.

Turnen ist spitze, finden die Jungs.

Warum das stimmt, wird beim Trainingsbesuch deutlich. Denn Turnen ist eine unheimlich vielseitige Sportart, wie Manfred Thumser gerne sagt. Und eine Grundlagensportart: Wer turnen kann, hat die körperlichen und koordinativen Voraussetzungen, um alle möglichen anderen Sportarten zu betreiben. Nur ganz kurz wird der letzte Wettkampftag abgehandelt. Einem Jungen ruft Thumser kameradschaftlich rüffelnd zu, was er da zuletzt an den Ringen gemacht habe, „das kann man eigentlich gar nicht turnen“. Doch auch dafür ist das Training gut: um Schwächen aufzuarbeiten und Situationen, in denen es nicht hundertprozentig klappt, immer wieder zu trainieren.

Manfred Thumser gibt Hilfestellung.

Imitatives Lernen

Wie das geht, erlebt die Barren-Gruppe mit den Neun- bis 13-Jährigen. „Barren unten lassen“, sagt Thumser. „Vom Hochstellen habe ich nichts gesagt.“ Wenige Sekunden später sind die leicht übermütigen Jungs wieder in der Spur und hören aufmerksam zu, was der Trainer ihnen beibringen will. Jeder bekommt jetzt ein Schaumgummistück, das er sich zwischen die Füße klemmt. Dadurch wird gewährleistet, dass die Füße beim Turnen am Barren zusammenbleiben. Voraussetzung zwei: Hemd in die Hose. Danach erst geht es langsam los: vor schwingen, zurück schwingen – in den Stand auf dem Kasten. Immer wieder, bis der Bewegungsablauf sitzt. Dabei sollen die Beine lang gelassen werden. Co-Trainer Albert Lopez-Torres (15) macht die einzelnen Übungen am Barren vor, die Jungs schauen ihm aufmerksam zu. „Das Vor- und Nachmachen ist aus der Mode gekommen“, sagt Manfred Thumser. „Dabei lernen gerade Kinder oft am besten wie es geht durch  Zugucken und Nachmachen – also imitatives Lernen. Komplexere Erklärungen oder Bewegungsbeschreibungen überfordern in der Regel Kinder mit noch relativ geringer Bewegungserfahrung.“

Und halten....

Der Abgang dieser Übung ist für die Jungs sehr schwierig, weil er einen unnatürlichen Bewegungsablauf erfordert. „Deswegen nehmen wir die Übung auseinander“, sagt Thumser. Anhand der Wendekehre erläutert der Cheftrainer das Prinzip der graduellen Annäherung: Erst wird der Abgang mit einer Vierteldrehung geturnt, danach mit einer halben. Nach einigen Versuchen haben es dann alle raus.

Ordnung muss sein

Beim Turnen herrscht offenbar eine hohe Grundordnung. Doch was sagen die jungen Nachwuchssportler dazu? Ronald (11) sagt: „Am Anfang war es ziemlich anstrengend, aber man gewöhnt sich daran.“ Beim Turnen baue man Muskeln auf, „weil man dazu den ganzen Körper braucht“.

Nur Fliegen ist schöner.

Ronald und seine Mitturner absolvieren den Vierkampf aus Barren, Boden, Reck und Sprung. Ab 13 Jahren kommen dann noch Ringe und Seitpferd dazu, erläutert Ronald. Robari (12) macht einen Handstand auf dem Barren. Ist das anstrengend? „Nein, gar nicht“, sagt er aus dieser recht ungewöhnlichen Position. David (11) ergänzt: „Das ist kein Problem. Man muss ja nicht laufen, sondern nur stehen.“ Robari ergänzt: „Man braucht Spannung.“ Mohammed (13) turnt schon seit drei Jahren – und es macht ihm immer mehr Spaß. „Wenn man erwachsen ist und dann erst anfängt, wird es schwierig.“ David (9) macht Barren, Trampolin und Boden gerne. Sein Namensvetter David (11) sagt: „Boden macht auch Spaß. Manche machen’s aber nicht so gerne, weil es ziemlich anstrengend ist.“ Trainer Albert Lopez-Torres erklärt: „Alles, was du mit den Armen machst, ist anstrengend.“ Wie Ringe und Reck zum Beispiel. Derweil üben die Älteren am Reck die Riesenfelge, und dem Beobachter fällt die Kinnlade herunter.

Turnen und Fußball

Und dann verdeutlicht der ältere der beiden Davids sehr anschaulich den technischen Anspruch seiner Sportart: „Wenn Turnen einfach wäre, müsste es Fußball heißen.“ Trainer Albert Lopez-Torres sagt: „Wenn du turnen kannst, kannst du alle anderen Sportarten besser.“ Man trainiere Koordination, Kraft, Ausdauer, Spannung und Disziplin: „Nichts kommt zu kurz. Es ist eben eine Ganzkörpersportart.“ (sst)

 


Kontakt
Dimitrios Lautenschläger
Tel.: 0228  711-2719 
Fax: 0228  711-2727